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978-3-7084-0728-9
Klagenfurter Rede zur Literatur 2026
»Es ist ein Dickicht aus Umzügen, Drogen, zerschlagenem Porzellan, Übergriffen, Dior-Kleidern, vernichtetem Tagebuch des Geliebten und Zusammenbrüchen, durch das ich mich zum Werk durchkämpfen muss und das mich dann zu Demut und Respekt vor dieser außerordentlichen Dichterin führt.«
Seit 46 Jahren ist Helga Schubert den Tagen der deutschsprachigen Literatur verbunden: 1980 als geladene Autorin, die nicht teilnehmen konnte, weil ihr die Ausreise aus der DDR verweigert wurde, 1987 bis 1990 als Jurorin und im dreißigsten Jahr danach schließlich als Bachmannpreisträgerin. 2026 kehrte sie nun noch einmal nach Klagenfurt zurück und eröffnete mit Und führe uns nicht in Versuchung den 50. Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis.
Schubert würdigt in ihrer Rede das Werk Ingeborg Bachmanns, die heuer 100 Jahre alt geworden wäre. Sie insistiert darauf, Bachmanns Texte zu lesen, ihren Rhythmus zu hören, statt sich von ihrem Ruhm, ihrem Ruf, dem Geraune um ihr Leben und Sterben auf den Boulevard locken zu lassen.
Kreisend und aus verschiedenen Perspektiven nähert sie sich der außerordentlichen Dichterin, indem sie erzählt: von ihrer persönlichen Faszination, ihren Erlebnissen, von den Begegnungen der DDR-Autorin mit Bachmanns Spuren in der österreichischen Stadt ihrer Jugend – und damit auch aus der Geschichte des nach ihr benannten Literaturwettbewerbs. Sie erinnert etwa an prägende Persönlichkeiten (»der berüchtigte Antikommunist Marcel Reich-Ranicki«) und nicht zuletzt daran, dass Kunst mit medialer wie ideologischer Vereinnahmung rechnen muss.
»An diesem ersten Abend 1987 in Klagenfurt ging ich allein durch die Altstadt, überall in den Innenhöfen saßen junge, sehr schöne Menschen und tranken Wein, das waren sicher die Dichter vom Wettbewerb und ihre Geliebten, aber das konnte nicht sein, denn alle sprachen sie österreichisch. Es hatte etwas Elegantes, Dekadentes, Selbstironisches. Die Herren mit den Anzugjacken über der Schulter, wie Könige mit zu kurzer Schleppe.«
45 Seiten, 18 x 12 cm, frz. Broschur
»Schuberts Rede ist ein Versuch, das Universelle in den wohlgeformten Sätzen dieser großen Melancholikerin begreifbar zu machen, der Verlockung zu widerstehen, Werk und Leben zu mystifizieren und entweder als genialistisch abzutun, oder mit biografischer Detektivarbeit alles Sinnliche aus ihren Texten herauszusublimieren.
Es ist eine Rede, die selbst Literatur ist, die sich vom Wir zum Ich und dann wieder zum Wir schlägt und dabei ganz bachmannhaft ›alle Fühler [ausstreckt], nach der Gestalt der Welt [tastend], nach den Zügen des Menschen in dieser Zeit‹.« Julia Hubernagel und Yannic Walter in »Das Blutwunder von Klagenfurt«, taz, 25.06.2026
»Bekanntlich endete das Leben Ingeborg Bachmanns 1973 unter traurigen Umständen, aber Schubert beschrieb, wie sie sich vom vorherrschenden Bild der stets ›gequälten Dichterin‹ gelöst und dem Biographismus abgeschworen habe, um die Größe des Werks zu erkennen.« Jan Wiele in »Nie mehr Nylonkleid und Zigarette«, FAZ, 25.06.2026
»Diese persönliche Geschichte verschränkt sie [Helga Schubert] in ihrer Eröffnungsrede unter der Überschrift ›Und führe uns nicht in Versuchung‹ mit der Kunst Ingeborg Bachmanns.« Janina Fleischer in »Durchs Dickicht zum Respekt«, Leipziger Volkszeitung, 25.06.2026
»Man muss den Verantwortlichen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs zu ihrer Entscheidung gratulieren, für die diesjährige Ausgabe, die 50-Jahre-Jubiläumsausgabe, die Berliner Schriftstellerin Helga Schubert als Eröffnungsrednerin engagiert zu haben. […]
Es ist jedenfalls schön, wie Helga Schubert darin versucht, den Blick auf die Prosa und die Lyrik von Ingeborg Bachmann frei zu bekommen. […] Schön auch die Erinnerung Schuberts, wie sie 1987 erstmals in Klagenfurt war und vom Blau des Wörthersees beeindruckt, das von den Menschen und der Literatur doch so ablenke: ›Empört euch, der Himmel ist blau‹, zitiert sie Alfred Andersch. Außer Bachmann gedenkt Schubert auch anderer Toter, die diesen Wettbewerb mitbestimmt haben: Marcel Reich-Ranicki […] Peter Demetz […] Gisela Lindemann« Gerrit Bartels in »Helga Schubert über Ingeborg Bachmann«, Der Tagesspiegel, 25.06.2026
»Mit ihrer Beschäftigung mit der Namenspatronin verwob Schubert ihre eigenen Erinnerungen an den ›Bachmann-Bewerb‹. Vom Zitieren der Stasi-Akten zur Ablehnung ihrer Ausreise 1980 durch die Behörden der DDR, als sie zur Teilnahme eingeladen war, kam sie auf ihren ersten Klagenfurt-Aufenthalt 1987 als (in der Folge bis 1990 tätige) Jurorin zu sprechen. Sie sei damals überwältigt gewesen, hieß es in ihrer Rede. ›Ich kam mir vor wie in einem Theaterstück […]‹ « Aus »Bachmann-Preis mit Rede von Helga Schubert eröffnet«, Der Standard und Salzburger Nachrichten, 24.06.2026
